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"Du bist doof!" vs. "Ich habe dich lieb!" - Die Macht des Wortes

Ich nehme an, jede/r die oder der mit Kindern zutun hat, kommt irgendwann an den Punkt, an dem sie oder er verzweifelt, wenn es um Schimpfworte und Anfeindungen geht. Dabei ist es egal, ob sich eine solche Situation zuhause zwischen Geschwistern, in der Krippe oder bei Tageseltern unter den ganz Kleinen, im Kindergarten oder in Schule und Hort abspielt. Obwohl Kinder ab einem gewissen Alter durchaus verstehen können (sollten), wie verletzend Schimpfworte sein können, werden sie eifrig genutzt. Da die Ursache je nach Alter ein nahezu unendlich breites Spektrum aufweißt, möchte ich hier bei den ganz Kleinen bleiben.

Schimpfworte bei Sprechlernenden

Als Tante und Tagesmutter machte ich die Erfahrungen: Kaum können sie sprechen, kommen auch die Schimpfworte. Ob sie diese von den Eltern selbst, von älteren Geschwistern oder einfach auf der Straße aufschnappen, ist für das Resultat unbedeutend. Zu Anfang wissen die Sprechlernden noch gar nicht, was einzelne Worte bedeuten. Indem sie sie benutzen, erlernen sie ihre Wirkung auf die Mitmenschen. Für ein Kleinkind, das sprechen lernt, hat "doof" erst einmal die selbe abstrakte Bedeutung wie "weich". Ebenso, wie es zu begreifen hat, was das Wort "weich" bedeutet, wie und wann es zu benutzen ist, lernt es dies bei dem Wort "doof".

 

Ähnlich verhält es sich bei Wörtern, die Emotionen und Gefühle benennen. Jeder Mensch hat erst einmal zu lernen, seine eigenen Gefühle zu erkennen, zu benennen und einzuordnen. Wenn ein Kind von zwei oder drei Jahren wütend ausruft: "Ich hasse dich!", kann es mit der Emotion Hass noch nicht viel anfangen. Im besten Fall ist das Wort für das Kind gleichbedeutend mit seinem Gefühl der Wut - und die kann ebenso schnell verschwinden, wie sie in Erscheinung tritt. Dass sich Mama, Papa, Bruder, Schwester oder sonstwer von dem Ausruf verletzt fühlt, kann ein so kleines Kind noch nicht begreifen. Es ist einfach noch nicht in der Lage, Mitgefühl zu empfinden, während es gerade seine eigenen Gefühle kennen lernt.

Entwicklung lässt sich nicht beschleunigen

Doch selbst wenn kleine Kinder noch nicht in der Lage sind, die abstrakten Auswirkungen ihrer Worte bei anderen zu verstehen, können sie doch be-greifen, was sie anfassen und beobachten können.

 

Als Tagesmutter erlebte ich immer wieder Phasen, in denen die zwei- bis vierjährigen Kinder, die ich betreute,, untereinander sehr aggressiv waren. Gewöhnlich begann es mit Worten, bis ein Kind sich nicht mehr zu helfen wusste und sich handgreiflich wehrte. Je weniger das Kind sich mit Sprache auszudrücken wusste, umso schneller wurde es handgreiflich.

Alles reden, bitten und erklären, wie verletzend diese Aussagen sind und wie sich das jeweils andere Kind fühlte, halfen natürlich überhaupt nicht. Meine Schützlinge waren einfach noch zu jung, um sich in einen anderen Menschen hinein zu fühlen, selbst wenn sie hörten, was geschah.

Lieder, Spiele und Gebärden zum Thema Gefühle halfen zwar dabei, dass die Kinder generell lernten, Gefühle einzuordnen und zu benennen, doch Empathie erlernten sie dadurch keineswegs schneller.

 

Schließlich stieß ich auf das Wasser-Reis-Experiment des japanischen Forschers Masaru Emoto. Dieser belegte mit verschiedenen Experimenten und Fotografien, dass Wasser Gedanken und Gefühle aufnehmen und speichern kann. Da der menschliche Körper zu 60-80% aus Wasser besteht, stellte ich mir die Frage: Was machen negative Gedanken, Gefühle und Worte mit uns Menschen?

Im Detail werde ich auf diese Frage in einem anderen Artikel eingehen. Mich beschäftigte erst einmal die Überlegung, ob ich das Experiment mit meinen Tageskindern durchführen könnte und welche Wirkung es auf sie hätte.

Die Macht des Wortes sichtbar machen

Ich nahm zwei leere Schraubgläser. Auf das eine malte ich Herzen, auf das andere Gewitterwolken. Beide Gläser füllte ich je zur Hälfte mit ungekochtem Reis und dann mit Wasser, bis der Reis bedeckt war.

 

Mit den Gläsern ging ich zu den Kindern und erklärte ihnen mein Vorhaben, herauszufinden, was mit dem Reis und dem Wasser geschieht, wenn wir einmal freundlich und einmal unfreundlich sind. Gemeinsam beschlossen wir, die Gläser jeden Tag mit in den Morgenkreis zu nehmen, wo wir erst dem Gewitter-Glas jede Menge unfreundliche Dinge und dann dem Herz-Glas freundliche Dinge sagten.

Bei einigen Kindern dauerte es eine Weile, bis sie sich trauten, die unfreundlichen Worte auszusprechen, während andere mit den freundlichen haderten. Bei dem Gewitter-Glas begannen wir im Übrigen einfach mit "Ich mag dich nicht." und "Ich kann dich nicht leiden." Schimpfworte oder Gefühlsworte waren gar nicht nötig. Das Herz-Glas bedachten wir mit Sätzen wie: "Ich habe dich gern." oder "Du gefällst mir."

 

Ich sprach mit den Kindern darüber, wie sie sich fühlten, wenn sie die jeweiligen Sätze sagten. Fühlten sie sich wohl oder unwohl? Soweit ich mich erinnere, äußerten drei von fünf Kindern - wie gesagt, im Alter von zwei bis vier Jahren -, dass sie sich bei den "Ich mag dich"-Sätzen wohler fühlten.

 

Von nun an liefen die Kinder mehrmals täglich zu den Gläsern, betrachteten sie oder flüsterten ihnen etwas zu. Bereits nach wenigen Tagen war auch etwas zu beobachten. In unserem Gewitter-Glas wurde das Wasser trüb und mit der Zeit bildete sich eine schaumig-weißgraue Schimmelschicht auf dem Reiswasser. Dagegen blieb das Wasser im Herz-Glas klar und frei von Schimmel.

 

Das Verhalten der Kinder untereinander änderte sich nicht so schnell, bis ich irgendwann zu einem Kind, dass wieder einmal ein anderes verbal anging, sagte: "Wenn du so wütend bist, dass es raus will, erzähl es doch dem Gewitter-Glas."

Diesen Satz übernahmen die Kinder umgehend. Wenn sich in der Folge ein Kind von einem anderen geärgert, angegriffen oder verletzt fühlte, rief es aus: "Erzähl das dem Gewitter!"

Zu diesem Zeitpunkt nahm ich die beiden Gläser erneut mit in den Morgenkreis, wo ich mir von den Kindern unser Experiment und ihre Beobachtungen erzählen ließ. Schließlich stellte ich die Frage: "Was glaubt ihr geschieht mit (Name eines Kindes), wenn wir ihn/sie ebenso beschimpfen, wie das Gewitter-Glas?"

Tatsächlich kam die Antwort, mit der ich beinahe rechnete ("Er schimmelt!") nicht. Stattdessen hörte ich von einer Dreijährigen: "Er ist traurig."

 

Selbstverständlich lernen Kinder auch mit Hilfe dieses Experiments nicht schneller, Mitgefühl zu empfinden, als es für ihre jeweilige, individuelle Entwicklung angemessen ist. Dennoch entsteht durch die Beobachtung ein gewisses Gefühl dafür, was angenehme und unangenehme Äußerungen bewirken können. Dies erkannten bei mir auch schon die zweijährigen Tageskinder.

 

Vielleicht hast du Lust, dieses Experiment ebenfalls durchzuführen? Es funktioniert bei älteren Kindern und auch Erwachsenen ebenso, wie bei den ganz Kleinen. Mit älteren wird dann auch wieder die Frage interessant: "Was machen unangenehme Äußerungen mit uns Menschen, da wir doch zu einem Großteil aus Wasser bestehen?" Und ebenso die Überlegung: "Wie möchte ich also über mich selbst denken?"

 

Ich freue mich, eure Erfahrungen in diesem Zusammenhang zu lesen.

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